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Eine langjährige Musikerehe - Häns'che Weiss und Vali Mayer

Der Gitarrist Häns'che Weiss und der Kontrabassist Vali Mayer jazzen seit 1980 zusammen und feiern mit ihrer Musik regelmässig grosse Erfolge. Hugo Faas vom Moods zählt sie zum Inventar des Zürcher Jazzklubs. Nick Liebmann traf die beiden eigenwilligen Musiker zu einem Gespräch.

Immer wieder behaupten Häns'che Weiss und Vali Mayer, dass sie nie übten und gerade deshalb auf der Bühne so spontan und lebendig musizierten. Was aber taten die beiden, als wir sie zwecks Interview bei Mayers in Rüschlikon trafen? Sie übten! Das erste Mal, seit langer Zeit, wie sie mir sofort versicherten.

Die beiden Berufsmusiker, die sich 1980 zufällig getroffen hatten, arbeiteten sogleich im Quartett, später im Trio und seit 1995 schliesslich im Duo zusammen. Im umfangreichen Repertoire befinden sich mittlerweile Hunderte von Stücken unterschiedlichster Art - Weiss spricht sogar von tausend. Das Spektrum reicht von Swing-Standards wie «Sweet Georgia Brown» und Kompositionen des grossen Django Reinhardt wie «Nuages» über ungarische Csárdás, brasilianische Bossa Novas und französische Musette-Walzer bis hin zu Eigenkompositionen, die vor allem aus der Feder von Häns'che Weiss stammen. Feder? «Noten kenn ich nicht», sagt Weiss, der aus einer berühmten Sinti-Sippe stammt. «Schon im Ersten Weltkrieg gab es für unser Volk Schulverbot, kein Radio, alles haben wir zu Hause abgeschaut. Und im Zweiten Weltkrieg wurde es bekanntlich noch schlimmer für uns.»

Komponieren in Echtzeit

Weiss komponiert quasi in Echtzeit, muss seine Eingebungen am Stück durchspielen, merkt sich die Melodien und ruft oft mitten in der Nacht seinen Freund Vali Mayer an, um ihm die neuen Nummern vorzusingen. Titel für seine Stücke hat er oft nicht - es sei denn, es falle ihm auch ein Liedtext ein. Sonst müssen Vali Mayer und seine Frau Myriam, die auch als Managerin des Duos fungiert und in der gemütlichen Stube die CDs gleich selbst aufnimmt, die Titel erfinden. Die Frage nach dem Etikett, mit dem die beiden ihre Musik beschreiben würden, liebt der 7fache Vater und 22fache Grossvater Weiss nicht besonders. Am meisten stört ihn die Bezeichnung «Zigeunermusik» oder «Sinto-Jazz». Dabei war der Einfall eines Managers, der Mitte der siebziger Jahre eine LP-Serie mit dem Titel «Musik deutscher Zigeuner» lancierte, ursprünglich gar nicht so schlecht. «Wir konnten unter diesem Stichwort viel Geld verdienen, aber das Publikum akzeptierte sehr bald nur noch dieses. Nun sind wir in dieser Sinti- Schublade gelandet, aus der wir fast nicht mehr herausfinden, denn der Druck des Publikums ist enorm», sinniert Weiss.

Dabei forderte der 1950 in Berlin geborene Musiker seine Kollegen schon sehr früh auf, sich selbst zu finden und einen eigenen Sound zu entwickeln. «Ich selbst musste mich ja auch von meinem grossen Vorbild Django Reinhardt lösen.»

Nur tragbare Instrumente

Meine Frage, weshalb denn bei Sinti-Ensembles oft die Kontrabassisten die einzigen Nichtzigeuner sind, löst bei Mayer und Weiss sofort herzhaftes Lachen aus. «Dafür sind logistische Gründe verantwortlich!», sagt Mayer. «Nach dem Krieg hatten unsere Leute nichts, keine geräumigen Wagen und mussten ihre Instrumente mittragen können. Deshalb kamen nur kleine Instrumente wie Geigen, Gitarren und vielleicht noch Akkordeons in Frage», erklärt Weiss. Und Mayer erinnert sich, wie er an einem Sinti-Festival in einem Wagen spielen durfte, dies aber nur möglich war, weil er seinen Kontrabass die ganze Zeit über in Schräglage hielt.

Und das Publikum? «Es ist zunächst mit uns alt geworden - aber die alten, eingefleischten Swing-Fans verschwinden langsam», erklärt Weiss. «Seit etwa zwei Jahren treffen wir wieder vermehrt auf ganz junge Zuhörerinnen und Zuhörer. Nach der Zeit der Discos ist heute wieder Live-Musik angesagt, und man entdeckt den Wert von hochstehenden Musikstilen wieder neu - zum Glück!». Weiss und Mayer spielen vor allem in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich, an allen denkbaren Orten «von der Garage bis hin zum Fussballstadion», sagt Mayer mit einem Zwinkern in den Augen. Bald ein Vierteljahrhundert spielen sie nun schon zusammen. «Wir sind beide querköpfig und haben in vielen Fragen verschiedene Auffassungen», sagt Mayer. «Aber Konflikte werden immer ausdiskutiert», insistiert Weiss, «anders geht das nicht.»

Nick Liebmann - Neue Zürcher Zeitung 22. May 2003

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